Tarek J. Schakib-Ekbatan: 7 Tage mit den Essenspaketen – mit Nachwirkungen

7Vorab zwei Informationen: 

1. Heute, Freitag, der 19.07., ist der Abschlussartikel zu dem Projekt in „Fränkischer Tag“ erschienen. Dort kommt auch der Inhaber der Firma SF Franken Catering zu Wort. Seine Firma stellt die Pakete zusammen und liefert sie aus. 

2. Da ich nicht nur journalistisch arbeite, sondern auch Rap-Musik mache, habe ich das Thema der Aktion musikalisch aufgearbeitet. Ein Video ist in Planung; Hilfe bei der Umsetzung ist jederzeit willkommen. Hier gibt es das Lied zum DownloadenAufgenommen habe ich es im Studio der Band ‚Kellerkommando‘, deren Sänger David Saam ebenfalls an dieser Aktion teilnahm. Geleitet hat die Aufnahme freundlicherweise Sebastian,  Bassist Band. Das Instrumental ist von Wombeats aus Köln.

Und? Schmeckt’s mir wieder?

Nach Ablauf der Testwoche ging ich Pizza essen. Sie schmeckte ausgezeichnet; die Gedanken an die Menschen, die diese und andere Freiheiten nicht haben, saßen allerdings still und leise mit am Tisch.

Es fällt mir noch schwer wieder in den normalen Ernährungsalltag einzusteigen – d.h. selbstbestimmt einzukaufen oder essen zu gehen. Es erscheint mir dekadent. Einfacher ist für mich, mit anderen zu essen. Da denke ich dann „Die essen ja auch ganz normal, dann kann ich das auch“.

Aber auch dabei sind diese unsichtbaren Gäste mit am Tisch, die mich beobachten und permanent mahnen. Nicht nur wegen des Essens. Sie erinnern mich an die Flüchtlinge, die ihre Heimat aufgeben mussten und auf der Suche nach Freiheit in ein unbekanntes Deutschland kamen. Hier dürfen sie dürfen sie nicht einmal ihr Essen selbst wählen. Auch den Landkreis dürfen sie nicht ohne Erlaubnis verlassen; manche haben Freunde oder Verwandte die in anderen Bundesländern leben.

Die stummen Tischgäste erinnern mich auch an die, die auf ihrer Flucht zwischen der libyschen Küste und Lampedusa im Meer ertranken. Vielleicht genau an der Stelle, an der Papst Franziskus für sie einen Kranz ins Meer geworfen hat. Oder an die Flüchtlinge, die ich neulich in einer Dokumentation sah. In einer norddeutschen Gemeinschaftsunterkunft haben sie sich die Krätze geholt. Es wurde ein junges iranisches Mädchen gezeigt, das dort lebt und Bücher über Picasso liest und dessen Bilder nachmalt; in Kunst hatte sie eine 1. Und im Leben?

Die Testwoche ist mir sehr nah gegangen. Näher als ich dachte. Ich musste oft daran denken, wie mein Großvater aus dem Iran geflohen ist. Oder an meine Großmutter, die es wegen des Krieges kreuz und quer durch Deutschland trieb, meinen Opa kennenlernte, mit ihm nach Tehran ging und wieder von dort vertrieben wurde. Oder daran, als ich als Kind miterlebte, wie mein Opa mal ein technisches Problem mit dem iranischen Konsulat wegen seiner Aufenthaltserlaubnis hatte. Damals hatte ich Angst, er würde vielleicht bald abgeschoben werden in ein Land, in dem ihm der Tod droht.

Eine Situation, in der sich ein befreundeter Afghane aus Forchheim jeden Tag befindet.

Die Testwoche hatte aber auch positive Nachwirkungen. Sie hat bewiesen, was man mit einer kreativen Idee und viel Engagement erreichen kann. Dafür danke ich den Organisatoren!

Bambergs Oberbürgermeister sucht nun Wege die Essenspakete abzuschaffen. Auch die Staatsregierung bewegt sich, und das Medienecho des Projekts hallte bis nach Österreich.

Und mir wurde durch dieses Projekt einmal mehr klar: Demokratie ist im Endeffekt auch nichts anderes als ein Auto. Wir Bürger sind der Motor. Die Politik ist dabei die Karosserie, die sich nur dann bewegt, wenn der Motor arbeitet. Es sei denn, es geht bergab. Naja, natürlich braucht ein Auto auch Räder und Benzin, ein Lenkrad, Blinker und solche Sachen, Sie wissen schon. Von daher hinkt der Vergleich vielleicht etwas. Aber ich glaube, es ist klar, was ich meine.

Der Alltag nimmt langsam wieder seinen gewohnten Lauf:

Heute Morgen fand ich einen Zettel an meinem Schrank in der Küche. Er war von meiner Mitbewohnerin. Mit vielen Ausrufezeichen und Adjektiven – von denen einige unterstrichen waren – wies er mich darauf hin, ich solle doch bitte meine Lebensmittel auf deren Zustand hin untersuchen.

Das tat ich. Danach konnte ich die Ausrufezeichen und einige der Adjektive gut verstehen. Hauptsächlich lag es am Salatkopf, der dort seit Dienstag lag. Es ist aber auch sehr schwierig Lebensmittel wegzuwerfen – zumindest, wenn sie noch nicht schlecht sind.

Da geht es mir genauso wie den Asylbewerbern. Wenn diese ihr Essenspaket beim Hausmeister abholen, geben ihm Teile des Inhalts zurück, für die sie keine Verwendung haben. Der gibt es dann der Tafel.

Man stelle sich einmal vor: Eine Firma produziert Lebensmittel. Eine andere Firma holt sie ab und lagert sie. Dann fährt sie die Lebensmittel zu den Asylbewerbern, die geben sie dem Hausmeister. Dann werden die Sachen zur Tafel gefahren und dort verteilt …

Ich gehe jetzt etwas essen. Meine unsichtbaren Gäste werden mir wahrscheinlich wieder Gesellschaft leisten. Aber vielleicht  ist es ja doch möglich, sich ein bisschen mit ihnen zu unterhalten.

Beste Grüße (und eine gute Tischgesellschaft)

Euer

Tarek J. Schakib-Ekbatan

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