David Saam: „Asylsuchende sind Menschen“

Als ich das erste Essenspaket bekommen hatte, dachte ich: also gut, das kann man schon mal eine Woche aushalten. Die Produkte erwartungsgemäß alle aus der billigsten Kategorie, ein paar wenige verdorben, großteils aber schon essbar. Allerdings hat mich dann schon am dritten Tag genervt, dass ich wieder trockenes Brötchen mit Frischkäse zum Frühstück hatte. Sehr oft habe ich in dieser Woche neidisch auf die Teller der anderen an meinem Tisch geschielt – egal zu welcher Tageszeit.

Allerdings war ich durch die Einschränkungen in der Essensauswahl auch gezwungen, mal wieder andere Gerichte als sonst zuzubereiten und kreativ zu werden. Z.B. hatte ich vorher in meinem Leben noch nie einen Krautsalat selbst gemacht. Statt Speck hab ich dann halt Salami genommen. Das perfekte Dinner kann man kaum zaubern aus den Zutaten. Dieses eine Mal hat es jedenfalls geschmeckt.

Mengenmäßig war in dem Paket mehr als genug drin. Und wohl nicht nur bei mir: Eine junge Frau aus dem Asylbewerberheim Roßdach hat mir drei riesengroße Tüten mit Lebensmitteln gezeigt, die in den letzten Wochen bei ihr übriggeblieben waren.

Es stellt sich die Frage, warum an einem System festgehalten wird, wo zu viele, aber dafür sehr oft ungeeignete und zum Teil auch ungenießbare Essenssachen ausgeliefert werden. Bedenkt man zudem, die umständliche und umfangreiche Logistik, die die Verteilung der Pakete mit sich bringt, ist kaum vorstellbar, dass auf diesem Wege Geld eingespart wird.
Asylsuchende sind Menschen. Und als solche müssen wir sie auch behandeln. Von einer Bevormundung durch Essenspakete halte ich überhaupt nichts. Auch die Modalitäten drumherum, dass z.B. die Auslieferungszeit den Empfängern nicht genau bekannt gemacht wird, sie aber persönlich die Lebensmittel in Empfang nehmen müssen, dienen ganz offensichtlich der Kontrolle und Gängelung der Flüchtlinge.

Es hat mich jemand gefragt, was ich persönlich aus der Woche mitnehme. Mir ist bewusst geworden, wie wertvoll es ist, essen zu dürfen und zu können, was man möchte. Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass es auf der Welt Menschen gibt, die diese Freiheit nicht haben.

Letzten Donnerstag war ich in der Lage, das Asylbewerberheim in Roßdach zu besuchen. Dort habe ich auch den tschetschenischen Mann getroffen, dessen Essenspaket ich bekommen habe. Bis auf ein paar Brocken Russisch, die ich noch aus drei Semestern Unterricht an der Uni rauskramen konnte, war unser gemeinsamer Wortschatz so gut wie nicht existent. Aber wir haben eine Partie Tischtennis miteinander gespielt. Und was soll ich sagen… er hat mich böse abgezockt. Außerdem habe ich eine junge Irakerin kennengelernt, die mich gefragt hat, ob wir nicht mal miteinander Musik machen wollen. Sie sänge gerne – arabisch und persisch. Demnächst werde ich also nochmal mit ein paar Freunden und mit Instrumenten nach Roßdach rausfahren. Viel ist da draußen ja normalerweise nicht geboten. Schauen wir mal, ob das ein lustiger Abend wird – mit Tischtennis, arabischen und fränkischen Liedern.

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3 Gedanken zu “David Saam: „Asylsuchende sind Menschen“

  1. Hallo,
    ich finde die Aktion wirklich gut. Es ist wichtig zu zeigen, dass es nicht darum geht, nur die zum Überleben benötigte Menge Kalorien bereitzustellen, sondern auch um Entscheidungsfreiheit und Lebensqualität. Mir kommt es auch so vor, als seien die Essenspakete eher Schikane. Kostengünstiger sind sie bestimmt nicht und sinnvoll auch nicht, wenn viel übrig bleibt und verdirbt. Ich weiß auch nicht, wie Leute, die Wunschlisten ausfüllen sollen, wenn sie kein Deutsch oder z.T. nicht richtig lesen können. (Oder gibt es die Listen auch auf Urdu/Dari/…?)
    In letzter Zeit habe ich auch Kontakt zu Menschen in einem Asylheim (nicht in Bayern) und die kaufen sich von dem Geld, das sie bekommen, Lebensmittel die sie wirklich essen oder zu Gerichten verarbeiten können, die sie aus ihrer Heimat kennen. Diese Menschen essen meistens einfache Fladenbrote und scharfe Bohnen- oder Linsengerichte. Ich bin froh, dass sie dadurch wenigstens ein kleines bisschen Heimatgefühl und ein wenig Entscheidungsfreiheit haben können.
    Katrina

  2. 1. Zeigen die Bestelllisten, dass die Betroffenen sehr Wohl die Möglichkeit haben zu wählen.
    2.Über Qualität lässt sich immer streiten.“Billig“ heisst aber nicht automatisch „schlecht“ oder wollen Sie unterstellen, die Deutsche Landwirtschaft produziert schlechte Lebensmittel?
    3.Das die Betroffenen kein Deutsch können, ist wohl eher geeignet dafür zu motivieren Deutsch zu lernen. Zudem gibt es in jeden Heim zahllose Landsleute oder hilfsbereite Menschen, die einen Weiterhelfen. Oder wollen Sie sagen, dass es eine derartige Solidarität nicht gibt?
    4.“Essen der billigsten Kategorie“ – davon müssen schätzungsweise auch min. 8 Millionen Deutsche leben. Ganz abgesehen von den Discounteinkäufern, wo die Warenvielfalt auch überschaubar ist.
    5.Essenspakete wurden zudem eingeführt, um den Missbrauch zu verhindernt, dass Essensgeld für andere Dinge als für Essen ausgegeben werden-was regelmäßig vorkam.
    6.Ich kann mir zudem nicht vorstellen, dass die Verpflegung auf dem Weg nach Deutschland besser war als die Verköstigung in Deutschland.
    7.Vielmehr geht es doch darum die ankommenden Menschen ein schnellstmögliches Verfahren zu gewährleisten, mit den für sie entsprechenden Ergebnis. – Heimreise oder in Deutschland bleiben.

    • Zu Ihren Punkten 1, 2, 3 und 7 möchte ich Folgendes kommentieren:

      zu 1: So wie ich das mit diesen Bestelllisten verstanden habe, können die Asylbewerber zwar etwas frei wählen, aber sind trotz Allem eingeschränkt. Landestypische Gerichte bzw. Zutaten können sie nicht wählen (z. B. beim Brot können sie nur zwischen bestimmten deutschen Brotarten wählen, während sie im Laden eine viel größere Auswahl hätten, z. B. statt Weißbrot Fladenbrot o.ä.). Zudem können sie nur eine bestimmte Anzahl an „Extras“ wie z. B. Ketchup, Gewürze (von denen ebenfalls nur die in Deutschland gängigen zur Auswahl stehen) usw. wählen.

      zu 2: Billig heißt selbstverständlich nicht immer schlecht, allerdings ist es nicht zumutbar, wenn zum Teil schon angefaultes Obst und Gemüse in den Pakten ist. Billigeres Brot schimmelt unter Umständen auch schneller als ein gutes Brot vom Bäcker, weil es einfach schon länger aufgeschnitten und verpackt ist. Den Asylbewerbern bleibt also auch der Genuss frischer Lebesnmittel verwehrt.

      zu 3: Klar wollen viel Asylbewerber Deutsch lernen, auch ohne den „Ansporn“ dann auch die Lebensmittellisten besser ausfüllen zu können. In Deutschland gilt das Prinzip: Sprachkurs ja, wenn Arbeitserlaubnis vorhanden. Allerdings bekommen die Asylbewerber diese Arbeitserlaubnis frühestens nach einem Jahr Aufenthalt in Deutschland. In ihrem Umfeld im Bewerberheim leben lauter Ausländer, die der Deutschen sprache kaum oder garnicht mächtig sind. Viel Betreuung von außen gibt es auch nicht (als Beispiel: In meiner Stadt wurde eine Asylbewerberunterkunft für 167 Bewerber gebaut. Dieses Heim wurde von 2 Hausmeistern betreut, die auch noch andere Heime zu betreuen hatten. Eine soziale Betreuung gab es nicht und gibt es heute auch nur, da einige ehrenamtliche Helfer die sogenannte „Asylothek“, eine Bibliothek aufgebaut haben und zwei mal wöchentlich Sprachkurse auf freiwilliger Basis anbieten (welche im Übrigen auch immer gut besucht sind)). Unter diesen Umständen fällt es einem Asylbewerber wahrlich schwer, Deutsch zu lernen.

      zu 7: Viele Asylbewerber leben viele Jahre lang in einem Heim in Deutschland, darauf bangend, nach Hause geschickt zu werden oder hoffend, doch in Deutschland bleiben zu dürfen. Von einem „schnellstmöglichen Verfahren“ kann hier keine Rede sein.

      Meiner Meinung nach sollten diese Essenspakete abgeschafft werden. Wie David Saam und auch viele Andere hier auf dieser Homepage auch, glaube ich nicht, dass dieses System sehr finanzfreundlich ist. Einfacher wäre es, den Asylbewerbern ein monatliches Essensgeld zur Verfügung zu stellen. Dies wäre sowohl förderlich für die Verbesserung von Deutschkenntnissen (da in vielen Läden ja doch auf Deutsch bestellt werden muss), als auch für die bessere Eingliederung in die Gesellschaft. Denn wenn sie in Deutschland aufgenommen werden, sollten sie die Gepflogenheiten in unserem Land bereits kennen und nicht erst kennen lernen müssen.

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